Zwanghaft erzeugte Perfektion erzeugt Depression

Ich hatte nur einen Gedanken: Ich muss hier weg. Weg von diesem Ort, sofort. Mir ging’s so schlecht wie seit drei Wochen nicht mehr. Und das nur, weil ich mir zu sicher war, dass es ausreicht. Ich war mir zu sicher und habe die Kontrolle verloren. Das darf mir nicht passieren. Ich habe alles richtig gemacht. Aber ich war unachtsam. Immer wenn ich unachtsam bin, verliere ich. Statt einer eins war’s nur eine drei. Und der Schmerz ist groß. Die Gefühle sind extrem. Ich dachte daran, alles infrage zu stellen. Ich dachte ernsthaft daran, die Maßnahme abzubrechen. Und ich verspürte keine Lust mehr, weiterzuleben.

Als Perfektionisten gelten Menschen, die extrem hohe Maßstäbe an Handlungen oder Entscheidungen anlegen: Sie müssen auf bestmögliche, ja vollkommene, auf jeden Fall fehlerfreie Weise ausgeführt beziehungsweise gefällt werden. Gewöhnlich richten sich diese perfektionistischen Ansprüche dabei auf die eigenen Tätigkeiten, aber nicht selten werden die ehrgeizigen Maßstäbe auch an Mitmenschen angelegt: die Arbeitskollegen, die Freunde, die Familie, die Nachbarn, die Medienelite im Fernsehen, nicht selten alle Welt.

Es geht also beim Perfektionismus im Kern um das Streben nach dem Maximalen und Makellosen, danach, die Dinge immer noch besser zu machen als bisher. Es ist, als hätten Perfektionisten für ihre besonders wichtigen Lebensbereiche ein athletisches Motto ausgerufen: höher, schneller, weiter – und möglichst fehlerlos. Manche Perfektionisten streben danach nur in wenigen Lebensbereichen, andere machen daraus einen umfassenden Way of life. (Nils Spitzer)

Fehler sind dazu da, um sie zu machen und um aus ihnen zu lernen. Wenn es aber keine wirklichen Fehler sind, sondern nur mangelnde Gewissenhaftigkeit, frage ich mich, warum mein Gewissen einen derartigen Terror veranstaltet. Nüchtern betrachtet ist Mittelmaß nichts Schlimmes. Für mich ist das Vermeiden von Mittelmaß aber existenziell. Nur bei guter Leistung habe ich Liebe erfahren. Ein „Befriedigend“ reichte nicht. Ich selbst kann mich auch nur lieben, wenn ich gut und besser bin. Mittelmaß ist fast die ganze Gesellschaft, und ich will so nicht sein.

Einerseits wünschen sich Narzissten und schizoide Menschen, dazuzugehören – und zwar so, wie sie sind. Andererseits hassen sie es, dazuzugehören – wenn man sie nicht so sein lässt, wie sie sind.

Ich selber weiß nicht wirklich, was ich will. Ich kann zwar Phrasen dreschen, kann vorgeben, für alles eine Lösung zu haben, aber innerlich gelten für mich andere Regeln. Meine Gefühle lassen keinen anderen Gedanken zu. In meiner Welt ist Mittelmaß wie Gefängnisfraß. In meiner Welt ist Mittelmäßigkeit eine Zumutung. Sie bringt keine Genugtuung. Sie setzt mich quasi noch mehr unter Druck.

Doch wem will ich damit etwas beweisen? Meine Mutter spielt keine Rolle mehr in meinem Leben. Aber mein hochentwickeltes strafendes Elternteil in mir redet mir ein, nur etwas wert zu sein, wenn …

Von außen betrachtet macht mein Denken keinen Sinn. Ich muss mich eigentlich vor niemandem rechtfertigen außer vor mir selber. Das ist aber der Knackpunkt: Ich bin mein größter Widersacher, Unglücklichmacher, Leidensverursacher, Selbstauslacher, aber auch der Schmied meines eigenen Unglücks. Ich mache mich selber verrückt. Da kann jeder kommen und sagen, dass eine Drei vollkommen ausreicht – es reicht mir nicht. Ich muss perfekt sein!

Ich war den Tränen ganz nah. Das Gefühl meiner Kindheit war wieder da. Es reicht nicht, egal was ich mache, sie sehen mich nicht. Und mir sagte auch keiner, was ich tun muss, um gesehen zu werden. Niemand konnte mir sagen, was ich investieren muss, dass es reicht. Manchmal sind die Dinge eben so, wie sie sind. Manchmal hat man Pech. Manchmal ist es eben ungerecht. Manchmal sind die Menschen schlecht. Und oft bin ich der Leidtragende gewesen.

Ich wollte es als Kind allen recht machen. Ich wollte, dass es allen gut geht. Ich habe selten auf meine Bedürfnisse geachtet. War ich mal egoistisch, wurde ich verachtet. Ich musste tun, was die anderen nicht konnten. Der Klügere gibt nach. Der Klügere gibt alles. Der Klügere ist tolerant und lässt alles mit sich machen. Er macht auch alles, weil er es eben kann. Und wenn er es mal nicht kann, ist er eben doch nur Mittelmaß. Und Mittelmaß sind die meisten. Willst du dazugehören? Willst du wirklich wie alle anderen sein?

Sie können sich kaum vorstellen, wie es für ein Kind ist, das zu tun, was die Erwachsenen wollen, nur damit die Erwachsenen zufrieden sind. Das Kind hat zu gehorchen. Kinder gehorchen nun mal ihren Eltern, ihren Erziehungsberechtigten. Und die Erwachsenen haben sowieso immer recht. Ist das Kind klüger, hat es eben nachzugeben, denn der Klügere gibt (immer) nach.

Mein inneres Kind ist nur klug. Es ist aber (noch) nicht erwachsen. Es hat zwar meistens recht, aber es wird kein Recht bekommen, eben aus diesem Grund.

Dieses Denken macht auf Dauer krank. Dieses Denken verursacht Depression. Die Selbstzweifel werden größer. Was kann ich mit meiner Klugheit anfangen, wenn es eben nur reicht, wenn das Ergebnis perfekt ist? Perfektion ist langweilig. So heißt es doch. Oder ist das nur scheinheilige Heuchelei, um in der Öffentlichkeit nicht anzuecken?

Im Anecken war ich immer gut. Und am Ende war’s die Wut, mit der ich zwar Aufmerksamkeit bekam, aber es war auch die Wut, die mir die Gesellschaft nahm. Und mein inneres Kind war wieder allein.

Wann hört der Teufelskreis auf? Wann lässt der Druck, perfekt sein zu müssen, nach? Lohnt es sich heutzutage überhaupt noch, perfekt zu sein? Ich sage ganz eindeutig Nein, weil Menschen ohne Macke kacke sind, und die kleinen Makel und Fehler einen Menschen doch erst so liebenswert machen.

Wir sollten uns weniger von den Medien leiten lassen, die uns oftmals suggerieren, dass wir dieses oder jenes tun müssen, um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Man braucht keinen Ferrari, geschweige denn überhaupt einen fahrbaren Untersatz, um sich zu behaupten. Was man braucht, ist ein einigermaßen mitfühlendes und lebensbejahendes Gemüt, einen lebhaften und einigermaßen gesunden Verstand. Viel mehr ist nicht erforderlich, und das ist ja auch schon allerhand und jeglicher Rede wert.

Perfektionismus ist anstrengend und in erhöhtem Maße ungesund. In klinischen Studien wird Perfektionismus mit Störungsbildern wie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, der schizoiden Persönlichkeitsstörung, mit Alkoholismus, Magersucht, Angst und Zwangsstörungen, sexuellen Funktionsstörungen sowie Selbstmordgedanken in Verbindung gebracht. Es gibt aber keine einheitliche Definition, die besagt, was genau darunter zu verstehen ist. Einigkeit herrscht immerhin, dass man Perfektionsstreben im Wesentlichen als ein Konstrukt mit Ausprägungen in zwei Dimensionen auffassen kann:

  1. Streben nach Vollkommenheit (perfektionistisches Streben): fasst unter anderem die Eigenschaften hohe persönliche Standards und Organisiertheit zusammen.
  2. Übertriebene Fehlervermeidung (perfektionistische Besorgnis): umfasst unter anderem die Eigenschaften Leistungszweifel und Fehlersensibilität, aber auch Angst vor Bewertung, besonders durch Eltern.

Ein Perfektionsstreben mit einer hohen Ausprägung in der Dimension des perfektionistischen Strebens, aber einer niedrigen Ausprägung in der Dimension der perfektionistischen Besorgnis, wird als gesundes oder funktionales Perfektionsstreben bezeichnet, während eine hohe Ausprägung in beiden Dimensionen mit einem ungesunden oder dysfunktionalen Perfektionsstreben in Zusammenhang gebracht wird. Letzteres wird Perfektionismus genannt.

Ursachen für die krankhafte Form des Perfektionismus sind wie bei allen anderen Persönlichkeitsstörungen in der Kindheit zu vermuten und lassen sich auf ein Verhalten der Eltern, das zum einen hohe Standards setzt und zum anderen zu wenig Wärme und Akzeptanz schenkt, zurückführen. Eine Neigung zum Perfektionismus kann aber auch angeboren sein. Ebenso ist perfektionistisches Verhalten ein angstvolles Vermeiden, genauer ein Unterdrücken von wahren Gefühlen, gegen oder für das man sich entscheiden kann.

Der Narzisst ist der grundlegenden Überzeugung, man müsse bestrebt sein, sehr hohen „verinnerlichten“ Ansprüchen bezüglich Verhalten und Leistung zu genügen, möglichst um Kritik zu vermeiden. Diese Haltung führt leider sehr oft zu Gefühlen von Druck oder Schwierigkeiten damit, es einmal ruhig angehen zu lassen. Narzissten, die in diesem Schema verharren, leiden oft darunter, sich nicht so wie andere vergnügen zu können. Sie wirken oft gehemmt in ihrer Freude, sind gestresst und stehen permanent unter Spannung. Ebenso glauben sie, niemals den perfekten Partner finden zu können, weil sie es nicht verdienen. Ihr Liebesleben stagniert. All das Positive, was entstehen kann, wird überlagert von der Angst, nicht auszureichen. Die Selbstachtung ist oft stark beeinträchtigt. Kleinere Misserfolge werden schon überbewertet. Narzissten mit diesem Erleben, können sich selber oft nicht verzeihen.

Überhöhte Standards zeigen sich meist in Form von Perfektionismus, übermäßiger Detailgenauigkeit oder der Unterbewertung eigener Leistung. Auch fühlen sich Menschen in diesem Schema dem Druck ausgesetzt, möglichst effektiv und effizient zu arbeiten, um noch mehr zu schaffen und zu leisten in noch weniger Zeit mit möglichst null Komma null Fehlern. Ihre Gedanken kreisen die meiste Zeit darum, wie sie besser und noch besser werden können. Ihre Grundsätze sind oft unrealistisch hoch und kaum zu erfüllen. Sie setzen sich selber viel zu hohe Maßstäbe, die sie oft in eine Depression stürzen, wenn sie bemerken, dass es ihnen nicht gelingt, wie sie sich das selber vorgenommen haben. (Jeffrey Young)

Ich dachte immer, ich muss mehr machen, um gesehen zu werden. Ich habe immer mehr gedacht als andere, ob nun in der Schule, auf Arbeit oder in der Politik. Und immer wurden meine guten Ideen geklaut und als die der anderen ausgegeben, oder ich wurde ausgenutzt. Gewürdigt wurde ich aber nie. Gelobt wurden meistens nur die anderen.

Ich habe bis zu meinem Zusammenbruch stets die Kontrolle bewahren müssen, um das perfekte Ziel zu erreichen. Nach meinem Zusammenbruch wurde zunehmend vieles anders. Ich habe irgendwann die Freude verloren, für andere etwas zu tun. Irgendwann habe ich meine Nächstenliebe über Bord geworfen und nur noch für Geld gewisse Tätigkeiten übernommen. Wenn ich schon kein Lob oder keine Bestätigung für meine Leistung erhalten kann, möchte ich wenigstens ausreichend honoriert werden. Gute Arbeit muss gut bezahlt werden. Bei schlechter Bezahlung reicht mein Anspruch dann auch nur für das Geld, das bezahlt wird, aus. Perfektion gibt’s von meiner Seite nur noch, wenn ich etwas davon habe.

Da es keine wirkliche Entscheidungsfreiheit bei narzisstischen Defiziten gibt, sondern immer nur Bestrebungen, vom psychosozialen Elend abzulenken und sich irgendeinen Ersatz zu verschaffen, um den empfundenen, selbst erfundenen Makel zu kompensieren, sind der „freie Markt“ ebenso wie „freie Wahlen“ in vielerlei Hinsicht eine trügerische Illusion. Der perfektionistische Mensch überlegt und überlegt und büßt viel an Spontanität ein, nur um sein brüchiges Selbst zu wahren, das er nach außen hin als möglichst perfekt darzustellen versucht. Leidet der Perfektionist unter seinem perfektionistischen Verhalten, ist eine Psychotherapie ratsam.

Laut Dr. Hans-Joachim Maaz wird auch das Wirtschaftssystem nach Überwindung kollektiver Not und Armut stets zum Tummelfeld narzisstisch begründeter Begehrlichkeiten. Werbung, Reklame, Mode, Status und Gruppendruck sind so wirkungsvoll, weil sie zu suggerieren verstehen, was Menschen mit narzisstischen Bedürfnissen brauchen, was sie angeblich viel glücklicher macht und wie man es schafft, (an‑)erkannt zu werden und dazuzugehören. Denn aus sich heraus wissen die meisten Narzissten das nicht (wie auch viele selbsternannte Nicht-Narzissten, sofern es die noch gibt). Sie konnten sich nie so entwickeln und herausfinden, wer sie sind und wer sie werden könnten, wenn sie es wollten, und was sie wirklich brauchen und begehren. Sie wirken wie ferngesteuert, automatisiert, impulsgetrieben, aber niemals ausgeglichen, in ihrer inneren Mitte ruhend. Sie befinden sich permanent auf der Suche nach Anerkennung und Perfektion – auch gerade weil sie glauben, nur in dieser Form liebenswert zu sein.

So gestalten die narzisstischen Störungen auch die Gesellschaften aus, wobei die typische Kollusion von Größenselbst und Größenklein ein weitestgehend reibungsloses Zusammenspiel – jedenfalls bis zum Zusammenbruch – ermöglicht. (Dr. Hans-Joachim Maaz)

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